Litterarische Postkarten
Für ein weiteres Publikum etwas mißverständlich ist der Titel: „Sonnenblumenpostkarten“, den der Verlag Karl Henckell u. Cie. in Zürich den litterarischen Postkarten gegeben hat, welche je ein Porträt eines der Dichter aufweisen, die in Henckells „Sonnenblumen-Serie[„], der bekannten periodischen Anthologie, erschienen sind. Wer letztere nicht kennt, glaubt, die Postkarten seien mit Sonnenblumenornamentik geschmückt. Dies ist keineswegs der Fall, sondern die Porträte (und Verse) von Dichtern wie Heine, Lenau, Hölderlin, G. Keller, C[.] F. Meyer, Novalis u. s. w. sind auf den Postkarten so angebracht daß zum Schreiben doch noch ein schöner Raum übrig bleibt[.] Eine Serie von 24 solcher Karten enthält 12 derartige Porträte, jeden Dichter also doppelt. Dazu eine elegante Kartonmappe. Die Postkarten, die, Irrtum vorbehalten, einzeln auf 15 Cts. zu stehen kommen, sind in ästhetischer Beziehung naturgemäß von verschiedenem Wert, je nachdem die betreffenden Dichter schön oder nicht schön von Gesicht waren und auch — je nachdem das zu Grunde liegende Bild ein gefälliges ist. Heine z. B. ist in dieser Reproduktion kein angenehmer Kopf, Uhland könnte es in keiner Wiedergabe sein, während das fast mädchenhafte Köpfchen von Novalis und das schöne Jünglingshaupt Hölderlins sich reizvoll ausnehmen. Daß sich in den Gebrauch dieser litterarischen Postkarten allerlei kleine Anspielungen legen lassen und daß namentlich junge Damen durch die Wahl, die sie mit diesem oder jenem Dichterkopfe treffen, dem Briefempfänger manches durch die „Sonnenblume“ sagen können, bedarf ebensowenig einer besonderen Ausführung als die Wahrheit der Behauptung, daß die Versendung derartiger litterarischer Postkarten etwas Feineres ist, als wenn man Gott weiß welch groteske Ulkkarten in die Welt hinaussendet.
Der Bund (Bern), 49. Jahrg., 7. Februar 1898, Nr. 37, S. 2. Online
