Monte Verità (Thurgauer Zeitung)

Monte Verità

In den Skizzen „Spaziergänge in Locarno“, die in den ersten Nummern des heurigen Jahrgangs im Sonntagsblatt der „Thurgauer Zeitung“ erschienen sind, ist auch eine Schilderung der Naturmenschen-Kolonie vom Monte Verità bei Ascona enthalten. Diese Schilderung hat ihren Weg auch auf den „Berg der Wahrheit“ gefunden, dort aber, wie es scheint, Widerspruch hervorgerufen. In dem Artikel ist gesagt worden, das Sanatorium Monte Veritä sei seinen vegetarischen Prinzipien insofern untreu geworden, als man in dem Sanatorium mit der Zeit weitherziger geworden sei und die Pensionäre wöchentlich sogar einmal Fleisch erhalten. Dann heißt es in dem Artikel, dadurch, daß die ursprüngliche Kolonie vom Monte Verità sich zum einfachen vegetarischen Kurhaus ausgewachsen habe, hätten die Fanatiker sich von der Zentrale auf dem Monte Veritå getrennt und sich auf eigene Faust in der Umgebung angesiedelt. Nun ersucht uns das Sanatorium um folgende „Richtigstellung“:

„Unser auf dem Kur- und Lebensprinzip des Vegetarismus gegründetes Sanatorium ist demselben seit seinem Bestand durchaus treu geblieben. Niemals wurde bei uns Fleisch verabreicht, selbst nicht einmal wöchentlich, wie Sie zu wissen meinen. Dem Kommunismus haben wir nie gehuldigt. Unser im angeblichen Verkehr mit den umwohnenden Ansiedlern angeführtes Verhältnis ist genau umgekehrt. Wir verhalten uns denselben gegenüber entschieden ablehnend, da wir, Reform im besten Sinne anstrebend und alle Vorzüge fortschrittlicher Schöpfungen benützend, mit den sogenannten „Naturmenschen“, deren rückschrittliches Bestreben in „Rückkehr zur Natur“, jedoch „los von der Kultur“ gipfelt, nicht harmonieren können. Es ließe sich noch vieles sagen, berichtigen, jedoch liegt es begreiflicherweise in unserem Interesse, besonders im Hinblick auf unsere stark in Anspruch genommene Arbeitskraft, nur jene uns schädigenden Stellen hervorzuheben.“

Herr Oedenkowen [sic!] will also festgestellt haben, daß in seinem Kurhause streng vegetarisch gelebt wird und den Pensionären keine Konzessionen gemacht werden, auch nicht einmal in der Woche. Der Verfasser der „Spaziergänge in Locarno“ hat diese übrigens gewlß recht nebensächliche Behauptung nicht aus den Fingern gesogen; daß man im Sanatorimn Monte Verità auch Fleisch kriegen könne, wenn man das verlange, das hat er aus dem Munde eines „Naturmenschen“ selbst, allerdings keines Pensionärs des Herrn Oedenkowen gehört.

Was das Verhältnis des Sanatoriums zu den frei lebenden Ansiedlern anbetrifft, so hätte es keinen Sinn, darüber zu streiten; Herr Oedenkowen behauptet, sein Sanatorium sei einzig auf dem richtigen Wege zur Wahrheit und das Sanatorium verhalte sich ablehnend gegenüber den umwohnenden freien Ansiedlern, während diese Ansiedler behaupten, daß sie ihrerseits sich gegenüber den Sanatoriumsbestrebungen ablehnend verhalten. Wessen „ablehnende Haltung“ mehr Berechtigung hat, diejenige der Sanatoriumsleute oder diejenige der freien Ansiedler, das kann hier kaum ergrübelt werden. Dem Sanatorium Monte Verità am Zeug zu flicken, ist dem Verfasser der „Spaziergänge in Locarno“ nie eingefallen; wenn in dem Artikel Unrichtiges oder Ungenaues vorkommt, so liegt der Grund einfach darin, weil es ungemein schwer hält, über den Charakter, den Zweck und die Ziele der Kolonie vom Monte Verità Aufschluß zu erhalten, aus dem einfachen Grunde, weil die Kolonisten in Bezug auf Charakter, Zweck und Ziel ihrer Ansiedlung eben selbst nicht einig und nicht im klaren sind.

-id.

Thurgauer Zeitung (Frauenfeld), 26. Mai 1906, Nr. 223, S. 1. Online


Letzte Änderung: 6. Oktober 2025.